Ich wurde von einem Bildungsanbieter gefragt, ob ich an einem Vorbereitungskurs „Hauptschulabschluss“ teilnehmen möchte:

Worum geht es

Ziel des Projektes ist es, Menschen, welche in der regulären Schulzeit ihren Hauptschulabschluss nicht geschafft haben (aus welchen Gründen auch immer), den Hauptschulabschluss innerhalb eines halben Schuljahres zu vermitteln.

Lehrkräfte auf Honorarbasis sollen das notwendige Wissen in den Prüfungsfächern vermitteln, gegen Projektende können die Schüler des Projektes bei anderen Lehrern, (wahrscheinlich  von Lehrern im Staatsdienst)  den Hauptschulabschluss machen.

Meine  zugedachte Rolle als Dozent in Mathematik

Den Schülern innerhalb eines halben Jahres das Wissen in Mathematik beibringen, damit diese die Abschlussprüfung bestehen können bringt es am besten auf den Punkt.

Das Konzept des Veranstalters

Aus meiner Perspektive: Es gab Geld vom Land/Kreis/wem auch immer, und man bietet auch mal einen Kurs „Hauptschulabschluss“ an.

Was ich aus Gesprächen weiß:
Es wurden Dozenten auf Honorarbasis gesucht, welche den Prüfungsstoff an die Schüler vermitteln sollten. Ferner gibt es wohl zusätzlich Sozialarbeiter, welche die Schüler begleiten sollen.

Was es definitiv nicht gab: Erfahrungen aus vorangegangenen Kursen, Unterlagen oder Literaturempfehlungen für die Fachkräfte. Ein Konzept mag im Kursverlauf vielleicht noch erarbeitet werden, 2 Wochen vor Kursbeginn war da aber noch nichts vorhanden (Leitlinien für Fachkräfte, Prüfungstermine, Koordination der Fachkräfte untereinander)

Mathematik in 6 Monaten

In 6 Monaten den Schülern alles notwendige zum Bestehen des Hauptschulabschluss beizubringen, ist ambitioniert, zumindest was die  Mathematik angeht.

Ich gehe davon aus, dass in Mathematik nur wenig bis nichts an Vorkenntnissen erwartet werden kann. Ich würde nur Grundschulkenntnisse vorraussetzen, den Rest müsste  im Unterricht neu gelernt oder als längst verschüttetes Wissen reaktiviert werden.

Das mag schon ambitioniert sein, wenn man es mit unwissenden, aber arbeitswilligen Schülern zu tun hätte. Nun hat es allerdings einen Grund, weshalb die jungen Leute den Hauptschulabschluss an der Regelschule nicht gepackt haben.

Gedanken zur Ausgestaltung des Mathematikunterrichtes

Die Ausgestaltung des Mathematikunterrichtes wäre mein Part gewesen. Von daher habe ich mich bei Amazon nach Lektüre und Konzepten umgeschaut („Wer hat denn wie das schon mal erfolgreich durchgeführt“) Dabei wurde ich nicht fündig, speziell dafür gibt es wohl so gut wie keine Literatur (was mich verwundert, so selten sind diese Kurse ja auch wieder nicht).

Auch vom Bildungsanbieter gab es da keine Hilfestellung, da dies deren erstes solches Projekt sei, und „erst mal Erfahrungen gesammelt werden sollen“)

Ich hätte also auf Vorbereitungsliteratur für „reguläre Hauptschüler“ zurückgreifen müssen, alternativ auf Schulbücher.

Da diese Literatur nicht unbedingt eins zu eins umsetzbar ist,  hätte ich mangels Arbeitsvorlage mehr oder weniger das komplette Unterrichtskonzept ausarbeiten müssen. (Da ich kein Hauptschullehrer bin, und auch sonst wenig Erfahrung mit Hauptschülern oder Schulabbrechern habe, dürfte ein solches Konzept eher nicht „das Gelbe vom Ei sein“)

Das angedachte Honorar

Mein Honorar sollte (IIRC) 20€ pro gehaltene Unterrichtsstunde betragen (könnten auch 25€ gewesen sein, mehr allerdings sicher nicht). Die Vorbereitungs- und Nachbereitungszeit sollten auf meine Kappe gehen, genauso wie die Zeit, welche ich für die Ausarbeitung eines Unterrichtskonzepts benötige.

Gedanken zum Zeitaufwand des Dozenten für die rein fachliche Arbeit

Für meine Abiturvorbereitungskurse benötigte ich beim ersten Mal pro gehaltene Stunde etwa 1,5 Stunden Vorbereitungszeit. Bei Wiederholungskursen brauch ich immerhin noch eine halbe Stunde Vorbereitungszeit (zwischen den Terminen liegt ja unter Umständen ein ganzes Jahr).

Dabei ist ein Abiturvorbereitungskurs vergleichsweise einfach zu konzipieren und zu halten, da von folgenden Prämissen ausgeganen werden kann

  • Die Schüler haben zumindest einen Teil des  Stoffes irgendwann einmal verstanden
  • Die Schüler sind  von sich aus motiviert, und haben auch gelernt längere Zeit konzentriert zu Arbeiten
  • Themen orientiertes Arbeiten ist  möglich, da ich pro Schulhalbjahr (Ein Themengebiet der Mathematik) auch genau einen Kurs anbiete

Außerdem gibt es für diese Fälle sehr viel Literatur, welche natürlich auch weiterhilft oder Ideen liefert. Ausserdem ist im späteren Kursverlauf ist das Rechnen  alte Abituraufgaben sehr empfehlenswert.

Wenn ich nun einen Kurs „Hauptschulabschluss im zweiten Bildungsweg“ vorbereite, dürfte die dafür notwendige Vorbereitung umfangreicher sein, insbesondere für jemanden, der nicht ständig in diesem Umfeld arbeitet.

Ich vermute, ich bräuchte alleine für die fachliche Vor- und Nachbereitung des Unterrichts min. 3 Stunden pro gehaltene Unterrichtstunde (inklusive Erarbeitung eines in der Theorie funkionierenden Unterrichtskonzeptes).

Der  Zeitaufwand zur Vorbereitung könnte im übrigen deutlich reduziert werden, wenn ich anstelle der Erarbeitung eines eigenständigen Konzeptes auf mehr oder weniger fertige  Unterlagen zurückgreifen könnte. Zudem dürfte das Konzept durchdachter und ausgereifter sein.

Arbeit mit den Schülern

Ich vermute, daß  bei den Teilnehmern eines solchen Kurses durchaus auch zwischenmenschliche Konflikte aufkommen können. Auch zwischen Lehrkraft und Schüler.

Ich habe keine Ahnung, wieviel Zeit und Nerven das kostet. Supervision vom Anbieter dieses Kurses gibt es nicht, fachliche Absprachen und Konferenzen sollten (wenn überhaupt)  in der Freizeit der Kursleiter stattfinden.

Fazit (für mich)

Ich empfinde die Aufgabe durchaus reizend, wenn denn die Rahmenbedingungen stimmten. Dazu gehört von Seiten des Anbieters ein durchdachtes und für mich nachvollziehbares Konzept.

Dazu gehört aber auch ein Existenz sichernder Lohn für die Dozenten. Für 7€ Stundenlohn arbeite  ich nicht mehr.